Über die Bergkapelle
Nach dem leckeren Honig-und-Kaffee-Frühstück ging’s los. Auf dem Weg nach Yenne habe ich mich etwas verlaufen, was aber nicht weiter tragisch war. In Yenne schrob ich zwei Karten, eine an Mama zum Geburtstag und eine an Sabrina & Mugl, auch zum Geburtstag. Die beiden Herren aus der Gîte kamen ’ne ganze Weile nach mir auch in diesem kleinen, schönen Ort an.
Nach einem weiteren Café ging’s weiter über die „Chapelle Notre-Dame de la Montagne“ (schöner Name). Es war die etwas längere, schwerere, aber viel schönere Strecke. Eine „Muschel ohne Punkt“ markierte diesen der beiden Wege. Ich tauchte wieder mal in die wundersame Welt der Tiere ein und bestaunte viele, die ich noch nie gesehen hatte. Die Rhône und das Rhônetal aus der Luft zu sehen, war ’ne Wucht. Welch schöne, einsame und ruhige Strecke durch Buchsbäume und Wildwuchs hindurch, am Rand des Berges, mit dieser traumhaften Aussicht. Nur gestört von zwei, drei Flugzeugen mit ihrem Lärm.
Es war wieder mal so weit: In den schönsten Momenten, auch wenn sie anstrengend sind wie soeben, meldet sich ein Teil deines Körpers wegen Überanstrengung. Die Fersen. Um die Folgen des Nichtbeachtens wissend, machte ich ’ne Stunde Rast an der Jagdhütte. Die beiden Herren von Yenne nahmen den anderen Weg und machten auch Rast und Picknick an der Jagdhütte. Später sollte ich erfahren, dass Harald hier auch gevespert hat. Nach einer Stunde der Genesung ging’s weiter.
Silvio, schon wieder
Es war – oder sollte – ein Kampftag werden. Die Berge rauf und runter, genau das Richtige, um meine Fersen zum Schreien zu bringen, aber wie gesagt, die Ausblicke von hier oben machten alles wieder gut. Als ich in Saint-Maurice-de-Rotherens eintraf, sah ich Silvio in einem Lokal sitzen. Was für eine Freude und Überraschung! Ich gesellte mich dazu und genehmigte mir ein kühles Bier. Ich dachte, er wäre schon viel weiter. Anschließend gingen wir gemeinsam weiter nach Saint-Genix-sur-Guiers.
Mir brannten die Füße, und der Weg schien kein Ende zu haben. Unterwegs machte Silvio an einem alten Lehmhaus Halt, um sich das Lehmgemisch anzusehen. Es hat ihn fast umgehauen vor Begeisterung. Er kannte diese Bauart noch nicht und wollte sich noch schlaumachen. Es war schön, wieder einen Abschnitt gemeinsam mit ihm zu gehen.
An der Chapelle de Pigneux trennten sich unsere Wege wieder. Er blieb dort, um Essen und eine Unterkunft zu bekommen, und ich machte mich weiter auf den Weg, um dasselbe zu suchen. Wie gesagt, Silvio war ohne Geld unterwegs. Ich nahm Kurs auf den Zeltplatz, der angepriesen wurde. Alle Geschäfte hatten schon zu, und ich hatte einen Kohldampf. Manchmal denk ich mir, dass ich bei diesen Ladenöffnungszeiten hier in France noch mal verhungern werde. Ein 15 cm langes Stück Wurst hatte ich noch.
Servus, Jens!
Auf halbem Wege durch die Stadt sah ich einen Wanderer pausieren und rief ihm ein lässiges „Servus“ zu. Er erwiderte dies und gab sich als Pilger Jens aus Konstanz zu erkennen. Wir quatschten noch ’ne ganze Weile und gingen dann langsam weiter, ich immer noch mit der Absicht, zum Zeltplatz zu gelangen. Aber wie es der Herrgott nun mal so will, quatschten wir so intensiv, dass wir einfach nur noch liefen. Seltsam.
Zum Zeltplatz zurück war’s jetzt auch sinnlos. Also beschlossen wir, gemeinsam weiterzugehen und die Nacht im Freien zu verbringen. Ich setzte auf seine Erfahrung, da er fast immer draußen pennte. Ein sogenannter „Im-Freien-Schläfer“! Das hörte sich spannend an, und ich hatte es eh schon mal vorgehabt.
Mit zunehmender Kilometerzahl und Dunkelheit nahm auch der Schmerz meiner Füße zu, und ich wollte nur noch RUHE!!! Kurz vor Les Abrets hielt ein Pick-up, und der Fahrer fragte, ob er uns mitnehmen solle. Mit viel Scham und dem Gedanken ans Schummeln ließen wir uns mitnehmen. Er fuhr uns zu einem Campingplatz. Der hatte jedoch ab 20:00 Uhr geschlossen. So gingen wir wieder zurück und suchten uns auf dem Weg ein Plätzchen zum Nächtigen.
Die erste Nacht unter freiem Himmel
Auf einem gemähten Feld unter einem großen Baum im frischen Heu machten wir uns breit. So, nun wird’s ernst: das erste Mal mit Bedacht im Freien schlafen. Bisher war’s immer nur nach durchzechten Nächten mit ’nem Volldampf. Da macht man sich keine Gedanken, was einem passieren kann, welche Tiere und Tierchen einen im Schlaf besuchen kommen, um an einem zu nagen oder so! Ich hatte jedenfalls die „dollsden“ Vorstellungen. Aber diese Nacht sollte auch mein Lehrmeister werden, was das Schlafen im Freien anging.
Mir war warm und eng im Schlafsack, und meine Füße schmerzten so, dass sie mir fast jede Chance aufs Einschlafen nahmen. Ums Verrecken konnte ich nicht einschlafen. Ich schätze, so lag ich zwei Stunden und hatte ’nen dicken Hals. Ach, wäre der Campingplatz nicht doch bequemer gewesen etc.????? Sinnlose Fragen, und dann die Füße und die wahnwitzigen Vorstellungen, was mir im Schlaf über und in den Schlafsack kriechen könnte.
Ich zog dann mein Hemd aus und schlief nur in Unterhose. Der Poncho diente als Abdeckung des Schlafsacks gegen die Feuchtigkeit. So, das Ding bis oben hin zugezogen, und der nächste Einschlafversuch. Siehe da, von der Temperatur her war es besser. Die Geräusche ringsum verstummten langsam, und ich wiegte mich nach 45 km im Schlaf des Gerechten.
Auch Tiere gehen schlafen, wenn es dunkel wird.
PS Auch Tiere gehen schlafen, wenn es dunkel wird. Fledermäuse tun einem nix, und größere Tiere haben Angst vor einem oder zwei schnarchenden Nächtigern. Keine Angst. WICHTIG!!! Immer einen Platz suchen, der absolut dunkel ist. Sonst nerven die kleinen Mistviecher doch. ;-)
Und Von der Wurst, die ich noch hatte, bin ich nach ganz langsamem Essen und Genießen satt geworden. What a wonderful Worst! Helge!