Abschied und Arztbesuch
Ich muss sagen, ich habe nach unserer gestrigen Fress- und Sauforgie super geschlafen. Nach langem Hin und Her habe ich mich dann doch entschlossen, zum Arzt zu gehen. So verabschiedete ich mich von Harald, denn ich glaube nicht, dass ich ihm auf dem Weg noch mal begegnen werde. Eigentlich schade, obwohl ich auch die Vorzüge des Alleingehens kenne und schätze.
In der Stadtapotheke habe ich mich nach einem Arzt erkundigt und ihn sogleich aufgesucht. Gott sei Dank konnte die junge, hübsche Apothekerin Englisch, sodass ich schnell ’ne Adresse hatte. Habe dann ziemlich lange im Wartezimmer die Decke angestarrt und französische Zeitungen gewälzt, ohne sie zu verstehen, bis ich drankam. Er hat Fragen gestellt und mich befragt, ohne eine für ihn wirklich verständliche Antwort zu bekommen. Am Ende sagte er mir, was es sei und was ich tun solle.
Wie immer im Universum versteht man alles, wenn man nix verstehen kann. Manchmal sind Sprachen nicht das größte Übel. Er schickte mich in die Apotheke für Medikamente gegen Schmerz und Wasser in den Beinen und nahm mir 20 € ab. Das war’s. Toll, mal bei ’nem französischen Arzt gewesen zu sein. Fast so wie bei meinem damaligen Kinderarzt. Er machte mir noch einen kühlenden Verband, und dann verabschiedete er sich.
Wie immer im Universum versteht man alles, wenn man nix verstehen kann.
Stützstrümpfe – wie uncool!
Natürlich ging ich zu der Apotheke, die mir die Adresse gegeben hatte. Dort bekam ich „Stützstrümpfe“ – wie UNCOOL! – und Tabletten gegen Schmerz und Wasser in den Beinen. Ich nahm vis-à-vis noch einen Café au Lait und ’n lecker Puddingteilchen, und weiter ging’s mit langsamen Schritten.
Ungebildet, DOOF & SAUDÄMLICH nahm ich die falschen Tabletten. Manchmal weiß ich nicht, welcher Teufel mich reitet. Hätte ich sofort zwei Ibuprofen genommen, wäre der Schmerz binnen 20 Minuten weg gewesen. Ich aber hatte die Anti-Wasser-in-den-Beinen-Tabletten genommen. Na ja, wer auf Gottes Wegen läuft, kann auch mal Fehler machen, auch wenn sie schmerzlich sind.
Die Begegnung des Tages
Nach einer langen Strecke Asphalt begann nun der schönste Abschnitt an der Rhône entlang, die „Rhône-Auen“. Ein wahrer Traum, da entlangzugehen. (Seyssel ist ’ne superschöne alte Stadt, die von der Rhône geteilt wird.)
Zuvor jedoch hatte ich noch die Begegnung des Tages. Als ich gerade dabei war, mir Kilometer, Tage, Zeit, Befinden etc. zusammenzureimen, und wieder mal fest mit den Augen zwinkerte, wäre ich beinahe auf eine von links nach rechts kriechende, grün-gelbe Schlange von ca. 1 m getreten. Ich sprang in die Höhe und wirbelte um meinen Stock, als wäre ich ein junger Gott und nicht ein Pilger, der soeben noch von Schmerzen gepeinigt seines Weges ging.
Gott sei Dank ist nix passiert, und die Schlange machte sich, ohne mich zu attackieren, auf ihren Weg. Ich musste mich vor Schreck mehrmals schütteln. Immer wieder lief es mir kalt den Buckel runter. So, nun hatte ich die erste, lang befürchtete Begegnung hinter mir. Mal sehen, wann die nächste meinen Weg kreuzen sollte.
Allein durch die Rhône-Auen
In Mathy ging der Weg nach Serrières oder direkt an den Rhône-Auen entlang. Ich entschied mich spontan für Letzteres. Es sollte ein unglaublich schöner Weg werden. Gut gewählt! Und ich war wieder allein. Das hieß: keine Zeit mehr zu Staub machen, halten und knipsen, wann ich wollte, mal schneller, mal langsamer gehen. Ich genoss wieder die Einsamkeit. Das soll jetzt nicht heißen, dass es irgendwie blöd war, mit Harald zu laufen, nein, aber das gewisse Etwas fehlte. Ich weiß, dass er genauso denkt und seine Schritte im Moment genießt.
Meine Pausen legte ich jetzt so, dass mich die Schmerzen nicht immer gleich aus den Schuhen kippen ließen. Ich machte eine kleine Pause direkt an der Rhône. Ein Traum. Dann ging es lange Zeit auf einem Damm entlang.
In Chanaz auf dem Campingplatz legte ich wiederum ein Päuschen ein, um meine Füße zu pflegen. War höchste Zeit. Ich gönnte mir zwei edle Bierchen und kam mit zwei Motorradfahrern aus Konstanz ins Gespräch. Trinken, zahlen, packen und los – nicht zu vergessen, den Fuß neu zu wickeln und mit neuer Salbe zu versorgen. Ich wollte unbedingt nach Montagnin. Es war ein Tag der Stille, da viele einsame Strecken hinter und vor mir lagen. Ich genoss es ausgiebig. Die Aussichten auf die Täler und die Rhône bleiben ein unvergessliches Erlebnis.
Le Moulin
In Montagnin angekommen, wollte ich schon in einem Rohbau mein Nachtlager aufschlagen, doch dann sah ich das kleine Hinweisschild „Le Moulin – Gîte d’étape“. Als ich zur Tür trat, um zu klopfen, sah ich schon vier vertraute Gesichter am Tisch sitzen: die beiden Herren aus Genf und zwei von danach, die sich im Hotel kurz vor Chez Gresat einquartiert hatten. Okay, die haben dort ziemlich gelöhnt.
’Ne „schwäbische Gemeinde“ umgab mich hier. Lustig. Ich gesellte mich dazu und konnte es gar nicht fassen, hier zu sein. Es war ein ziemlicher Marsch heute, trotz der Schmerzen. Vielleicht bin ich ja schon schmerzpervers. ;-)
Essen wollte ich aus Kostengründen nicht, doch ich bekam zwei Gläschen Vin Rouge und freute mich einfach über die Gesellschaft. 15 € fürs Übernachten und Frühstück. Da kann man nix sagen. Super. Und was das für ’ne tolle Unterkunft war! Ganz urgemütlich eingerichtet. Das Essen sah verdammt lecker aus. Diese dämlichen Kostengründe! Hatte nichts zu Abend gegessen und war trotzdem nicht hungrig. Um 22:30 Uhr gingen alle in die Falle.
Seit der Begegnung mit Frau Schlange habe ich die Augen immer auf den Boden gerichtet. Man sagte mir, dass es sich bei diesem Exemplar um eine ungiftige Wasserschlange handelt. Na ja! Harald ist bis Yenne gegangen. Fleißiger Bua.
PS Stets die Augen offen halten, ob sich nicht Getier durch die Beine schlängeln will.