Den ganzen Regenwald abgesägt
Kurz nach 2:00 Uhr nachts wurde ich vor Durst und wegen zu viel Wärme im Zimmer munter. Es gab keine Chance, wieder einzuschlafen. Ralf und ein anderer waren dabei, den gesamten Regenwald abzusägen. Der Wahnsinn! Ich bin raus in den Empfangsraum, um die Nacht ruhig zu verbringen. Ohropax hätte da auch nichts mehr geholfen. ;-((
Kurz vor 5 Uhr morgens kruschelte schon ’ne Alte in ihrem Sack herum. Man kann’s auch übertreiben (4:30 Uhr war’s). Ich stand ebenfalls auf, packte, nahm noch einen Café und ’ne Scheibe Brot und machte mich auf die Piste. Es war noch dunkel, und ich verlief mich fast. Ich geh ja gern ganz früh los, aber heute musste ich, da das Schnarchen der beiden unerträglich war und ich keine Ruhe mehr fand …
Villafranca del Bierzo
Bis Cacabelos gab’s wirklich keine einzige Unterkunft. 16 km nix. Dort angekommen, legte ich meine Füße in den Fluss und nahm einen Strumpfwechsel vor. Dann ging es unerwartet, anders als im Buch, auf einem anderen Weg nach Villafranca del Bierzo. Ein schöner Weg und ein schöner Ort, dieses Villafranca del Bierzo. Ich sitze jetzt in einem Café mit Blick auf die Stadt und lasse mir ’ne heiße Mokkabohne munden.
Wissen Villafranca del Bierzo wird „das kleine Compostela“ genannt, nicht nur wegen seiner zahlreichen Kirchen und Monumente, einstigen Pilgerhospitäler und einer Burg aus dem 16. Jahrhundert, sondern weil den Pilgern hier schon der Ablass der Sündenstrafen gewährt wurde, wenn sie auf dem Weg erkrankt waren. Unsere liebe katholische Kirche hat sich schon seltsame Sachen ausgedacht …
Sehr beeindruckend, dieses kleine Städtchen. In einem kleinen Innenhof des Hauses mit der Nummer 35 entdeckte ich ein wunderschönes Steinmuster. Sehr sehenswert!!!
So, weiter geht’s!
Bad im Valcarce
Auf den folgenden Kilometern bin ich Gregor und Karin aus Österreich (Bildmitte) begegnet, wir verstanden uns auf Anhieb und liefen die nächsten 7,5 km zusammen. Beim Ratschen vergeht die Zeit so schnell, dass wir im Nu da waren. Zwei ganz Liebe!
Neben der Straße von Pereje nach Vega de Valcarce verläuft der Fluss Valcarce. Ich hatte meine ersehnte Pause noch nicht eingelegt und war auf der Suche nach einem gemütlichen Plätzchen, als ich an einer Stelle vorbeikam, an der sich das Wasser des Flusses zu einem kleinen Planschbecken staute. Diese Gelegenheit zu Ruhe, Erholung und Abkühlung konnte ich mir nicht entgehen lassen. Durch das sich anstauende Wasser hat es zwar etwas gemuffelt, aber die Abkühlung für Körper, Geist und Seele war ein Traum. Ich habe mich auf einen großen Stein gelegt und mich von der Luft trocknen lassen. Schnell noch die Strümpfe gewaschen, und weiter ging’s auf die letzten Kilometer.
So habe ich am Tag zweimal neue Füße, was sehr viel ausmacht! Nach diesem erfrischenden Bad bin ich gelaufen wie ein Schweizer Uhrwerk, es ging mir prächtig.
Zweimal am Tag neue Füße – das macht sehr viel aus!
Als ich mit Gregor über frische Feigen sprach, die im Moment noch nicht reif sind, ging er zu einem Feigenbaum, und da hingen tatsächlich fünf Feigen, die schon reif waren. Zufall!!! Danke, Camino.
Vega de Valcarce
Ich sitze jetzt in der Herberge und habe schon Platz im großen Schlafsaal auf einer Matratze genommen. Ganz allein ohne Fremdschnarcher, genial! Dann ging ich zum Dorfladen und kaufte mir fürs Abendbrot Eier, Erbsen, Mais, Zwiebeln, Tomaten und Brot. Hmmmm, lecker, und heute kein Alkohol. Mann, stand mir die Wampe! Am Tag hatte ich fast nix gegessen und mich richtig auf den Abend gefreut.
In der Herberge lernte ich Rafael und Günter aus dem Schwabenländle kennen. Rafael hatte auch schon ein mächtiges Wanderfell im Gesicht. ;-) Ein Japaner aus Tokio saß auch mit am Tisch, da musste ich schon meine paar Brocken Japanisch zum Besten geben, aber der Rest folgte auf Englisch. Rafael, 29, ging von daheim über Konstanz los und Günter, 71 und sehr rüstig, in Etappen. Er hatte seine Credencial, seinen Pilgerpass, verloren, oder jemand hat ihn geklaut. Wer so was tut, sollte mal richtig bestraft werden.
Jedenfalls wurde viel geschwätzt, und ich vergaß mein Ei im Topf. Es musste sich ca. 30 Minuten im heißen Wasser quälen. Pech fürs Ei! ;-) Ich ging noch mal zum Dorfladen, um mir was Süßes zu kaufen. Heute bin ich mit 15 € ausgekommen.
Ich lief heute ca. 10 km weiter, als ich ursprünglich vorhatte, dafür traf ich hier auf lauter neue Pilger. Supi! Gestern sind wir an gigantisch großen Kastanien vorbeigekommen. Den Stempel gibt es hier in der Kirche von Vega de Valcarce.
