San Marcos
Wie gesagt, ich bin erst spät ins Bett und hatte mit neuen Ohropax einen gesunden, ruhigen Schlaf. Als ich morgens aufwachte, war ich allein im Zimmer. Kurz vor 8:00 Uhr verließ ich die Herberge. Da ich es gestern nicht geschafft hatte, mir das Kloster San Marcos anzusehen, holte ich das heute nach, denn es lag auf dem Weg, immer der Muschel entlang.
Anschließend bin ich mit einem Engländer (einem Kunstschweißer) 8 km zusammen gelaufen. Lockerer Typ. Ich hätte ja gern mal wieder ’ne weibliche Person an meiner Seite, aber irgendwie …?
Einsam wie ein Wolf
Später nahm ich dann die 3,5 km längere Route. Einsam wie ein Wolf ging ich der roten Erde nach und ärgerte mich, dass ich kein Buch dabeihatte. Eine Straße ging 6 km schnurstracks geradeaus. Unglaublich, man hat das Gefühl, nie anzukommen. Wieder hatte ich das kulinarische Vergnügen, Maulbeeren zu essen.
Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr und musste mich erst wieder geistig sammeln. Dann kam ich an Bewässerungsschleusen vorbei und überlegte hin und her, ob ich nicht in einer ein Erfrischungsbad nehmen sollte. Aber ich hatte trotz der großen Hitze keinen Bock. Ausziehen, rein, raus, trocknen, anziehen und weiter – einfach null Bock. Wer weiß, warum!?
Dazu kam, dass ich mir seit Langem mal wieder einen Wolf gelaufen hatte. Aua!!! Beim Laufen las ich das Matthäusevangelium. So verging die Zeit ein bisschen schneller. Mit großem Nachdenken über sich und die Welt war heute nix. Und allein war ich auch die ganze Strecke, da die meisten Pilger die kürzere einschlugen.
Einsam wie ein Wolf ging ich der roten Erde nach.
Hospital de Órbigo
Endlich in Hospital de Órbigo angekommen, empfing mich der Ort mit seiner prächtigen römischen Brücke, die gleich aufs Foto musste. Ich machte mich gleich auf die Suche nach dem Refugio. Es ist eine sehr schöne Herberge, sehr zu empfehlen. Wichtig war, dass man auch später als 22:00 Uhr heimkommen durfte. Na ja, heute war WM-Endspiel, und Italien gewann. Francesco el Ducas, mein Freund, hatte heute allen Grund, sich zu freuen.
Ich lernte vier Pilger kennen: Ben aus den USA und drei Mädels aus Australien und Kanada. Der Abend war lustig. Vor allem Ben mit seinem Deutsch. Er hatte mal ’ne Zeit lang mit Chelise in Garmisch gelebt. Hier waren alle für Italien, wir hatten ’ne Menge Spaß zusammen.
Zoco in der Männerbar
Am Nachmittag hatte ich in einem kleinen, unscheinbaren Ort die Bar aufgesucht, um einen Café zu trinken. Da saßen 22 Männer – einer davon war ich – und spielten Domino oder Karten. Ich ließ mich auf einem der Barhocker nieder und bestellte das gleiche Getränk, das mein Nachbar trank. Es hieß „Zoco“ und wurde auf Eis serviert. Ein sehr leicht gesüßter Digestif mit feiner Säure, aus Anis und Schlehen. Ein Traum! Nur alte Männer in der Bar und fast jeder mit ’ner Zigarre zwischen den Zähnen.
Im Refugio traf ich wieder dieselben Leute. Ich muss mal wieder 5 bis 10 km weiterlaufen, um neue kennenzulernen.
Und wieder ist mir mein Name vorausgeeilt: „Ach, du bist Franko!“ oder „Du musst Franko sein!“
Im Moment sitze ich in Astorga bei einer Tasse Café und schreibe diese Zeilen. Es ist immer blöd, zwei Tage nachzuschreiben. „None of these chicks out here is real“ – Ben und die Mädels benutzen „chicks“ sehr oft in ihrem Sprachgebrauch. Mr. Megacool. Super drauf, die Bande! „Meine Schickse“ haben wir doch im Osten für „Freundin“ benutzt. So, ich mach mich jetzt auf den Weg und hoffe, dass ich nix Wichtiges vergessen habe.