Take time today
Ich bin bis 7:30 Uhr liegen geblieben, um nicht mitten im Aufbruchsrennen der anderen mitzutappeln. Take time today! Ich will heute ja in die Stadt Burgos, also besser ohne Rucksack. Ich konnte ihn in der Unterkunft stehen lassen. Dann voller Vorfreude in die Stadt. Schön gemach mit weitem Blick durch die Straßen geschlendert, um die Kathedrale von Burgos herumgeschlichen und mich einfach nur gefreut, hier zu sein. In den Momenten ohne Sack und Stock fühle ich mich immer als halber Pilger, das ist schon fast ein unangenehmes Gefühl. Es fehlt dann einfach was. Ich habe zwei nette Amis und zwei Deutsche kennengelernt.
Ich ließ mich dann erst mal zu einer frohlockenden Tasse Kaffee in einem Café neben der Kathedrale hinreißen. Und wer kommt da des Weges? Ja, mein Spezl Heiner Lörs, der Radlpilger, den ich das erste Mal in Santo Domingo de la Calzada getroffen hatte. Er war ganz erstaunt, mich hier zu treffen. Wir plauderten ’ne Weile und gingen noch a Weng gemeinsam durch die Straßen der Stadt. A Pfundskerl, der Heiner!
Für 1 € Eintritt (Spezipreis für Pilger) schaute ich mir die Kathedrale an. Was für ein riesiges, imposantes Bauwerk, unglaublich! Ich habe etliche Fotos gemacht und wieder meine große Canon vermisst. Ungeheuerlich der Gedanke, zu welcher Zeit diese Meisterleistung vollbracht wurde. Ein sehr, sehr beeindruckendes Gebäude.
Ich zeigte fünf den Weg suchenden amerikanischen Pilgersprösslingen den Pfad zur Pilgerunterkunft. Noch schnell ein dunkles Brot gekauft und wieder zurück ins Refugio. Ich wollte um 14:00 Uhr los, um heute noch irgendwo zum Länderspielgipfel Deutschland – Italien einzukehren.
Kein Fernseher weit und breit
Es ging wieder schnell voran, und ehe ich mich versah, war ich auch schon in Hornillos del Camino. Dort saßen ’ne Menge Pilger im Freien vor dem Refugio und plauschten miteinander. Von Fußballbegeisterung war hier nix zu spüren. ;-( Auch in der Bar gegenüber mit diesem leicht gereizten Wirt gab’s keinen Fernseher. Sehr christlich hier, also nix wie weiter.
Na ja, in 10 km kam die nächste Station. Hier sah alles so leer und verlassen aus. Ich traute dem Frieden nicht und nahm die vermutlich kürzere Strecke nach Castellanos de Castro, um noch eine Möglichkeit mehr auszuschöpfen, das Spiel nicht zu verpassen. Leider absolute Fehlanzeige. Völlig totes Kaff. Geisterdorf! Mann, was soll das, ich will unbedingt das Spiel sehen! Da kommt man schon in Rage und Verzweiflung, zumal ich auch in Burgos hätte bleiben können, um das Spiel dort zu sehen.
Nun waren es noch zwei lächerliche Kilometer bis Hontanas. Und ich hoffte bei allem, was mir heilig war, dass die dort eine Glotze hatten. Ich würde auch draußen pennen! Noch mal kurz zum Pinkeln, ein Stück Freudenschokolade naschen, und weiter geht’s.
Das Auto
Auf einmal hielt ein Auto neben mir an, und der Fahrer gab mir zu verstehen, ich solle einsteigen. Wie aus heiterem Himmel überkam es mich, und ich stieg ein. Was hatte mich nur geritten, in ein „AUTO“ zu steigen! Es waren ja nur noch die 2 km bis Hontanas. Okay, jetzt bloß keine falsche Bescheidenheit. Und dann: Der Alte fuhr seinen Wagen und uns beide einfach an Hontanas vorbei. Ich deutete ihm, ich wolle nach Hontanas und er sei schon zu weit, aber er gab mir zu verstehen, dass das schon okay sei so. Ich ließ es geschehen.
Nach 7 km hielt er an einer alten Kirchenruine, ließ mich dort raus, verabschiedete sich und fuhr davon. Der Ort namens San Antón war ein sehr mystischer, geheimnisvoller Platz auf Erden. Inmitten der Ruine befand sich ein kleines Pilgerrefugio, das von zwei supernetten Italienern geführt wurde, Lorenzo und Clara. Ich habe etwas gegessen, meinen Platz eingenommen und mich sauwohl gefühlt.
Astrid aus Karlsruhe war an diesem Tag die einzige Pilgerin in San Antón. Erst dachte ich, sie sei dort die Hospitalera, da sie in ein langes schwarzes Gewand gehüllt war und durch ihre Erscheinung den „Ich geb euch eine Unterkunft“-Eindruck vermittelte. Dem war nicht so. Ein kleines, scheues und etwas ängstliches Rehlein, aber ’ne sehr liebe Person.
Fußball in Castrojeriz
Ich unterhielt mich mit Lorenzo, der mir sagte, er müsse heute Abend unbedingt Fußball schauen. Ich zeigte sofort mein Interesse daran und wunderte mich gleichzeitig, wie das gehen soll, wenn hier kein Fernseher zur Verfügung stand. John, der Engländer, parkte draußen vor der Ruine seinen Caravan und nahm uns später mit ins nahe gelegene Castrojeriz. Dieses Castrojeriz kannte ich schon aus meinem Führer. Es stellte für mich auch einen bedeutenden Punkt auf dem Weg dar. Ein lustiger Typ, dieser John. Und schon wieder käme es mir zugute, wäre ich der englischen Sprache mächtiger. In Castrojeriz ging ich mit Astrid in die Bar „La Taberna“! Erst mal ein schönes Bierchen bestellt und Platz genommen. ’Ne urige Kneipe.
Man stelle sich vor:
- man will unbedingt ein Fußballspiel sehen
- in zwei Dörfern gibt es keinen Fernseher
- die Zeit bis zum Anstoß läuft einem davon
- unwillkürlich wird man von einem Auto mitgenommen (was für eine Sünde auf dem Camino – für mich!)
- der fährt auch noch am eigentlichen Ort vorbei
- und lässt mich im schönen San Antón raus, das ich am nächsten Tag nur durchlaufen hätte
- ich treffe ausgerechnet auf zwei italienische Hospitaleros
- die wollen unbedingt auch Fußball schauen
- mit der Zeit geht’s sich gerade so aus
- und man schafft es wirklich, in einer illustren Runde dieses Spiel zu sehen
Deutschland – Italien 0:2
DAS IST DER CAMINO!
Nach einem klasse Spiel verlor die deutsche Mannschaft dann doch noch in der Verlängerung mit 0:2 … schade! Egal, ich war happy, hier zu sein und in San Antón übernachten zu dürfen. Nach dem Spiel liefen wir ein wenig die Straße Richtung San Antón entlang, bis Lorenzo uns einzeln mit dem Motorrad abholte. Ich machte es mir in den mondlichtdurchfluteten Gemäuern der Ruine mit einem Bierchen und ’nem Mars bequem. Der Sternenhimmel hing über uns, und es wird für mich ein unvergesslicher Moment bleiben.
Entscheidet Jakobus auf diesem Weg, oder ist es die Macht der Gedanken, die uns das erreichen lässt, was wir uns unbedingt einbilden???
Ein ganz besonderer Tag!