Mein Jakobsweg 2006 · Tag 59

Cirueña – Belorado

📅 Sonntag, 02.07.2006🐓 Der Hahn von Santo Domingo🥵 Hitze an der N-120🏎️ Schumi gewinnt

Der Pilger ohne Geld

Nach einem Frühstück aus Pumpernickel und Kaffee ging es um 7:00 Uhr los. Noch ein gemeinsames Foto mit Jutta, und auf zur nächsten Etappe. Es waren 4 km bis Santo Domingo de la Calzada. Am Ortseingang kam mir ein älterer Pilger entgegen. Ziemlich heruntergekommen, keiner mit den BESTEN Kleidern für den Weg ausgerüstet. Wir grüßten einander, und ich stellte fest, dass er Deutscher war.

Gustav Erhard Zeidler, gebürtig in Delitzsch bei Leipzig, Kampfschwimmer, Landmaschinenschlosser, Notar und Anwalt, ca. 55 Jahre alt, ist im Februar 2004 in Bremen mit 150 € losgegangen und befindet sich jetzt auf dem Heimweg. Er ist dreimal den Camino Francés und den Küstenweg gelaufen, ohne Kohle. Zwischendurch hatte er als Ernte- oder Pflückhelfer gearbeitet, was jedoch nicht sehr ertragreich ist. Er will ein Buch über seine Erlebnisse und den Sinn des Camino schreiben. Also Augen auf …!

Santo Domingo de la Calzada

Als ich mich der berühmten Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada näherte, hörte ich den Hahn kikeriki-krähen! Als ich dann drinnen hoffnungsvoll auf seinen Hahnenschrei lauerte, passierte nichts. Obwohl ich ewig drinnen blieb. Dieser Schlingel von Hahn! Jedoch hatte es der heilige Jakobus bis jetzt sehr gut mit mir gemeint, und ich sah auch für den Rest des Weges keine Probleme.

Ich nahm einen leckeren Café zu mir, unterhielt mich anschließend ausgelassen mit einem deutschen Radpilger (Heiner Lörs), lernte den Oberstleutnant kennen, den ich schon im Refugio in Los Arcos gesehen hatte, fotografierte, hob Geld ab und machte mich alsbald auf den Weg nach Grañón. Hier sitze ich nun in der Mittagshitze unter einem Coca-Cola-Schirm einer Bar und verfasse diese Zeilen, bei zwei Achteln eiskaltem Rosé. Im Moment ist nix mit Rasen. Schön gemach, den Weg und die Stationen genießen.

  • Frankreich – Brasilien 1:0
  • Portugal – England: Portugal im Elfmeterschießen

Diese Franzosen!

Schmoren an der N-120

Genießen ist das eine, in der Mittagssonne schwitzen, weil man zu spät dran ist, das andere. Egal, es ging dann ziemlich staubig und heiß dahin. Auf den 12,5 km nach Belorado hätte ich einiges für nur eine Minute Schatten gegeben. Nicht mal ein klitzekleines Wölkchen ließ sich erweichen, mir für kurze Zeit Schatten zu spenden. So schmorte ich dicht neben der N-120 auf dem Camino dahin. Es war langweilig, staubig, verdammt heiß, die Beine wegen Aua in Stützstrümpfe gehüllt, und dann immer die Trucks.

Seit zwei Tagen ist’s nicht so recht mit den Füßen und Beinen. Dicke Waden und Beine. Ach, war das ’ne nervige Strecke! Und kein Ziel in Sicht. Ich nutzte die Gunst der Stunde, um im Matthäusevangelium zu blättern, zu lesen und zu verstehen. Glaube ist wichtig für jedermann, aber das ist nun gar nicht meine Welt.

Für nur eine Minute Schatten hätte ich einiges gegeben.

Belorado

In Belorado angekommen, überkamen mich große Freude und Erleichterung, denn ich hatte mich heute hierhergeschleppt. Die Unterkunft war in einer großen Garage mit Betten und Waschmöglichkeit. Völlig okay für einen total erschöpften Pilger. Ich genehmigte mir dann erst mal ein Bierchen, um mich zum Leben zu erwecken. Später schaute ich in einer Tapas-Bar Formel 1. Schumi hat gewonnen.

Am Abend bei Sonnenuntergang ging ich mit einem Schweizer Hospitalero hinter dem Refugio auf den Berg, um die Aussicht zu genießen und die Ruine zu sehen, die dort stand. Es war eine gute Entscheidung, spontan mitzugehen. Ein wunderschöner Ausblick von dort oben. Die Störche saßen auf den Glockentürmen und bildeten im Schein der untergehenden Sonne schwarze Silhouetten. Die deutsche Familie vom Deutschland-Argentinien-Spiel und die beiden Schweizer Stefan und Basil waren auch da.

Ohne Rucksack müsste man unterwegs sein, es ist unglaublich, wie leicht und unbeschwert es sich ohne das dauernde Gewicht auf dem Buckel gehen lässt.

An das „San Miguel“ könnte ich mich literweise gewöhnen. Um 10 Uhr lag ich in der Falle. Heiner Lörs sah ich auch in einem Restaurant sitzen. Morgen will und muss ich noch vor 6:00 Uhr aufbrechen, denn die kühlen Morgenstunden sind zu kostbar, um sie nicht zu nutzen.