Gegen Italien
So, also doch: Wir müssen gegen Italien ran. Das kann ja was werden. In der Aufwärmphase noch 4:1 auf den Sack bekommen und jetzt in vollem Ernst um alles spielen. Ich bin guter Dinge, denn die Jungs haben bis jetzt echt klasse Arbeit gezeigt.
Heute Morgen habe ich mir mit allem viel Zeit gelassen. Das Brot war die reinste Katastrophe, der Café jedoch wie immer super gut. Wie lange manche Leute morgens brauchen, um ihren Rucksack zu packen, ist sensationell oder schon traurig. Heute hatte ich mal das Vergnügen, einigen dabei zuzusehen. Verrückt!
Gestern Abend hatte ich geschwollene Füße und Beine und wollte den Tag darum heute langsam und ruhig angehen. Besonders gut drauf war ich deswegen auch nicht. Na ja, ohne die geht’s nun mal nicht. Zur Sicherheit legte ich noch ein Morgenei. ;-)
Auf der Baustelle
Ich begab mich erst die Straße entlang, dann der Muschel folgend, bis mich eine fremde innere Stimme dazu aufforderte, mich heute mal vom eigentlichen Weg abzusetzen. Die im Bau befindliche, nach frischem Asphalt riechende B12 zog mich magisch an. Ich konnte dem nicht widerstehen. Und mal zwei, drei Stunden keine Pilger zu sehen, war auch ein Grund. Ich ging einfach auf der neuen, noch nicht freigegebenen Trasse entlang. Erst frischer Asphalt, dann nur noch rote Erde unter meinen Füßen.
Ich war mitten im Gewühl der Bauarbeiten, um mich herum riesige Kipper, Lkws und Sprengwagen, damit es nicht so staubt, wenn die großen Brummis dort fahren. Alle winkten mir zu oder hupten, wenn sie an mir vorbeifuhren. Einer bremste, begrüßte mich und gab mir zu verstehen, dass der Camino weit links von hier verläuft. Ich wiederum gab ihm zu verstehen, dass mir der hier viel besser gefällt. Er lachte und meinte, dass ich kurz vor der neuen Brücke links abbiegen müsse und dort wieder auf den Camino käme.
Als er seinen Riesenbrummi wieder startete, hupte und mir noch mal zuwinkte, wusste ich, dass ich mal wieder den richtigen Entschluss getroffen hatte und dieser Weg auch der richtige war. Es machte heute alles viel Spaß, und alles in Ruhe, ohne Stress. Am Ende zeigte er mir den Weg zum Camino und hupte nochmals kräftig. Super Typ!
Nájera
Dann war ich in kurzer Zeit in Nájera. Ich holte mir gleich als Erstes einen Stempel in der Info und lud mich selbst auf einen Café ein. Man konnte hier sehr viele Mauersegler und Störche beobachten. Und ich hatte erst einen Pilger gesehen. Trotz aller Freuden macht mir mein rechtes Fußgelenk echte Sorgen. Werde jetzt wieder Tabletten nehmen. Ich gehe heute sehr gemach. Kurz vor Nájera waren Texte auf Deutsch und Spanisch an eine große Betonmauer geschrieben. Ich gab auch meinen Senf dazu!
Als ich mir die Kirche in Nájera ansah, fand drinnen gerade eine Hochzeit statt. Mann, war das rührend!
Jetzt waren es noch 7 km bis Azofra, die durch sehr ruhiges Gelände führten. Schön so. Unterwegs traf ich die belgische Pilgerin. Ich hatte vor, in Azofra zu bleiben, um Fußball zu schauen, hier gab es aber keinen Bankomaten, und ich hatte nur noch 5 € in der Tasche. Also musste ich weiter und die holden Weiber zurücklassen, mit denen ich gern einen Schoppen Wein getrunken hätte. So machte ich mich auf, um die 16 km nach Santo Domingo de la Calzada zu gehen, in der Hoffnung, dort Fußball schauen und an einem Bankomaten etwas Geld ziehen zu können. Ich musste mich echt überwinden. Eigentlich hatte ich keinen Bock mehr, heute weiterzulaufen.
Dem Regen sei Dank
Von einer Anhöhe konnte ich bis zurück nach Azofra sehen und bemerkte, dass mich dunkle Wolken verfolgten. Mit meiner inneren Wetterprognose ist es nicht weit her. Und ehe ich mich versah, fing es an zu schütten. Vorsorglich hatte ich schon meinen Poncho zurechtgelegt. Ich dachte schon, ich entkomme dem Gewitter – getäuscht! Obwohl es wie aus Eimern regnete, leistete mein Poncho, den ich mir mit so viel Aufwand in Genf besorgt hatte, gute Dienste.
Ich kam an einem Golfplatz vorbei und dachte, dass ich hier vielleicht schon Geld abheben kann. Nix da! In Cirueña ließ ich mich unter dem Vordach eines kleinen, flachen Gebäudes nieder, um auf das Ende des Regens zu warten. Ich hatte mich schon mit meiner Situation abgefunden, als eine Dame vor ihr Haus trat und, als sie mich sah, auf mich zukam. Sie fragte, wie es mir geht. Ja klar, nass war ich, aber ansonsten in super Zustand.
Sie stellte sich vor – Jutta war ihr Name –, und sie hatte seit dreieinhalb Monaten ein kleines, hübsches Pilgerrefugio 50 m von meinem Unterstand. Ich fragte sie nach einem Geldautomaten, da musste sie lachen. Bei gerade mal 26 Einwohnern gab es das nicht.
Sie bot mir ein Quartier in ihrer schnuckeligen Herberge an, und es war ihr auch egal, dass ich nur noch 5 € bei mir hatte. Ich solle mitkommen, schließlich seien wir hier auf dem Camino, sagte sie mit einem Lächeln. Sie nahm mir meinen Stock und den Poncho ab, und wir gingen über die Straße zu ihr. An diesem Abend waren noch zwei Holland-Ostfriesen bei ihr zu Gast, leider habe ich ihre Namen vergessen. ;-( Ich nahm eine Dusche und relaxte danach ein wenig bei einem Buch von Peter Ustinov, „Vorurteile“, das ich in einem Bücherregal stehen sah.
Jutta kümmerte sich bereits um das gemeinsame Abendessen:
Dazu reichte sie einen hervorragenden Rioja. Unglaublich! Es war ein sehr schöner, harmonischer Abend, gespickt mit interessanten Gesprächsthemen und einer Menge Spaß.
DEM REGEN SEI DANK!!!
Fußball wurde somit zur unwichtigsten Sache der Welt degradiert. Später spendierte sie mir noch ein Bierchen. Es war wieder ein sagenhaft schöner Sonnenuntergang zu sehen.
Jutta war gebürtige Österreicherin und ist durch den Tango nach Mexiko und später nach Argentinien gezogen. Sie war viele Jahre dort, bis der Camino sie in seinen Bann gezogen hatte. Hier baute sie aus einem einfachen, heruntergekommenen Schafstall ihr kleines Pilgerrefugio.
Danke Vielen, vielen Dank noch mal an dieser Stelle. Ich würde mir wünschen, dass viele Pilger den Weg zu dieser charmanten Frau finden.