41 Kilometer
Kurz nach 5:00 Uhr morgens bin ich wieder raus, frühstücken und los. Früher in meiner Jugend hätte man mich mit ’nem Panzer überfahren müssen, damit ich um diese Zeit freiwillig oder überhaupt aufstehe, doch im Moment ist es das Höchste für mich.
41 km sind’s heute. Die ersten Kilometer habe ich auf der Straße verbracht (Samstag, sehr ruhig), sparte somit 4 bis 5 km ein und war frei von den ewig grüßenden Mitpilgern. Das ist kein Gespött und kein arrogantes Verhalten gegenüber den anderen Pilgern, nur ist es ab und an ruhig und gediegen, allein auf dem Weg zu sein. Ihr werdet es auch spüren.
Vom Wetter her war’s heute sehr angenehm, wolkig und warm. Trotzdem brauche ich meine 4 bis 5 Liter Wasser am Tag. An Aroue bin ich direkt vorbeigezogen, und in Olhaïby nahm ich an einer kleinen Église Platz, genehmigte mir einen Kaffee und aß etwas dazu. Heute hatte ich wieder meine Nike-Sandalen an, ging prächtig zum Laufen. Ansonsten war es sehr unaufregend, da das Wetter immer schlechter wurde und auch sonst nix passierte. Kurz vor Hiriburia donnerte und blitzte es gewaltig, nur zu regnen begann es nicht.
Wo drei Wege zusammenkommen
An der Stèle de Gibraltar, die seit 1964 die Vereinigung der drei Jakobswege darstellt – von Le Puy-en-Velay, von Vézelay und von Paris über Tours –, machte ich ein kleines Päuschen, um etwas zu sinnieren. Von dort aus ging es dann den steinigen und schönen Prozessionsweg hinauf zur Chapelle de Soyarza, wo es dann doch noch zu regnen begann.
Da oben in der kleinen Kapelle traf ich den Schweizer Pilger, der in den Pilgerbüchern immer so schön über Gott schreibt. Da es bereits zu regnen begonnen hatte, machte ich es mir in der kleinen Kapelle bequem und verzehrte meinen Proviant, um mich für die nächsten Kilometer zu stärken. Die Aussicht auf die Hügel der Pyrenäen blieb mir leider verwehrt. Bei schönem Wetter ist das hier ein traumhafter Aussichtspunkt. Man kann halt nicht alles haben.
Im Pilgerbuch der Chapelle de Soyarza fand ich auch noch folgenden Satz:
„Genieße die Zeit, die du mit deinen Freunden verbringst, denn sie sind der Quell des Glücks!“
– gez. Harald Jagersberger
Hach, mei, der Harald! Wie wird’s ihm wohl gehen, und was wird er wohl alles so erleben? Ich freue mich schon, ihn wiederzusehen. Auf den letzten Kilometern nach Ostabat trieben mich die Winde meines Fressanfalls in der Chapelle de Soyarza voran, aber der Rucksack war um einiges leichter. ;-)
Kein Platz in Ostabat
Die Gîte in Ostabat war schon voll. Na ja, ein kleines Fleckchen irgendwo auf dem Boden hätte ich schon genommen, aber der Gîte-Wächter nahm es sehr streng mit der Belegung. Ja kein Pilger zu viel, das könnte bei einer Kontrolle Ärger bedeuten. Ja, blödes Geschwätz. Also, das hatte ich weder vorher noch nachher erlebt. Vielleicht sollte man die Etappen so legen, dass man durch dieses Kaff einfach durchspaziert, dachte ich mir und war angefressen.
Im Laden nebenan gab’s auch keine Zuflucht, aber neuen Proviant. Trotz des schlechten Wetters war ich jetzt im Begriff, weiter bis Saint-Jean-Pied-de-Port zu gehen. Was soll’s, dachte ich mir. Mit etwas Frust im Bauch geht’s eh. Außerdem befand sich in dieser Gîte ein richtiges Arschloch. A Franzose aus dem Elsass. Ja, so a vollvertrotteltes Rindviech! Laut schreiender, weil nicht normal sprechen könnender Volldepp. Der sollte sich mir noch mal zeigen. Gott sei Dank erst ganz zum Schluss.
So ging ich also meines Weges und kam an einer anderen Unterkunft vorbei. Ich wollte schon weiterlaufen, aber dann besann ich mich und bog in die Einfahrt ein. Eine sehr nette Frau nahm mich in Empfang und gab mir zu verstehen, dass ich auch ohne Halbpension dort übernachten dürfe. Mann, war ich happy! Ich bekam ein kleines Zimmer mit Kochgelegenheit, wo sich später noch ein anderer Pilger dazugesellte.
12 € die Nacht! OK! Ich machte mir eine Cassolette warm und schaute danach Deutschland gegen Schweden. 2:0 für unsre Mannschaft. Ich glaube, wir werden noch Weltmeister, wenn’s so weitergeht.
PS Ja, so ist der Camino: Er macht aus scheinbar ausweglosen oder weniger guten Dingen etwas Besonderes.