Der Morgentrampel
Gestern – denn ich schreibe einen Tag später – war ein unberechenbarer Tag. Um 5:00 Uhr früh morgens wackelte schon der Erste rum, und das ohne Rücksicht auf Verluste, besser gesagt auf andere Pilger, die noch ein Stündchen schlafen wollten. Diesen selbstherrlichen Arschgeigenpilgern müsste man tatsächlich nur das Schlimmste für den Weg wünschen. Volltrottl, dieser!
Na ja, mir war’s egal, ich stehe ja eh gern so zeitig wie möglich auf, aber ohne Lärm und ohne andere zu stören! Also schnell fertig gepackt, gefrühstückt mit Kaffee und los. Es war noch finster, und ich hatte mich verlaufen. Ich wollte einfach nur weg und diesen Depp’n nimmer wiedersehen. Aus Trotz nahm ich dann die Straße nach Aire-sur-l’Adour.
Über Lanne-Soubiran wären es 28 km gewesen, so waren es nur 20 km. Geil, um 6:00 Uhr los und um 11:00 Uhr da. Super! In Barcelonne-du-Gers ließ ich in einem Fotogeschäft die Fotos vom Chip auf CD brennen. Fünf meiner Pilgerfotos ließ ich gleich entwickeln, um sie als Postkarten zu verschicken. Coole Sache, find ich. 12,20 € waren okay für alles.
Aire-sur-l’Adour
In Aire-sur-l’Adour ist es bei der Suche nach meinem Lieblingskäse „Tomme des Neiges“ doch nur zu einem Bier gekommen. Den gibt’s hier nicht mehr.
TIPP
Will man in einem Supermarkt ohne Kühlschrank-Bier trotzdem ein kühles Blondes vernaschen, gehe man als Erstes zum Bierregal und nehme sich ein bis drei Dosen. Danach gehe man damit zum Gemüsefroster und lagere es dort ein. Anschließend dreht man seine Runden, um zu suchen und zu finden, was man braucht oder nicht. Hat man alles zusammen, hole man sich das Bier aus der Gemüsefrostanlage. ;-)
Seit geraumer Zeit war ich auf der Suche nach etwas Schwarz-Rot-Goldenem, das ich an meinen Stock binden könnte. Nie habe ich etwas Passendes gefunden. Haargummis wären ’ne gute Wahl gewesen, nur gab’s die in allen möglichen Farben außer in unseren drei WM-Farben.
In der Stadt war Sommerfest. Ein Traum! Überall Stände mit verschiedenem Zeugs und Probierhäppchen von Wurst und Käse. Gleich am ersten Stand erkannte mich einer der Verkäufer als Deutschen. Jo, ich nickte und sprach mit ihm. Er hatte ’ne Weile in Deutschland gelebt und freute sich, dass er mir hier begegnete. Er grub seinen gesamten deutschen Wortschatz aus. War echt lustig. Bei ihm fand ich, was ich schon lange suchte: meine schwarz-rot-goldenen Haargummis! Was für eine Freude! Sofort rollte ich sie auf das Ende meines Pilgerstabes. Jaaa!
Endlich: schwarz-rot-goldene Haargummis für den Pilgerstab!
Ich dachte schon, hier in der Stadt sei Stierkampf, aber dem war nicht so. Schade, das hätte ich mir schon gern angesehen. Im Fotogeschäft vorhin lagen großformatige Abzüge von Stierkämpfen. Wahnsinn, einem hingen die blutigen Hoden aus der von den Hörnern durchlöcherten Hose. Okay, deshalb wollte ich jetzt nicht hin, aber interessiert hätte mich das Spektakel schon.
Ich bin sinnlos lange ohne Plan und ohne Ziel durch die Straßen gelaufen. In einer Bar trank ich einen Café, bedient von einem ernst schauenden, ca. 1,95 m großen, schmalzlockigen, in Westernstiefeln steckenden Kellner. Wow, das war ’n Typ! Passt so gar nicht als Kellner in ein Café. Vielleicht in „From Dusk Till Dawn“ von Tarantino!
Jedenfalls bin ich durch mein Rumgelaufe nicht zur Ruhe gekommen. Ich traf zwei Deutsche und zwei Franzosen mit Hund. UND … Verena! Von ihr hatte mir Harald schon am Telefon erzählt. Nettes Mädsche. Sie blieb heute noch in der Stadt, da am Abend Party angesagt war. Hätte ich auch tun sollen.
Nach Miramont-Sensacq
In diesem ganzen Trubel war es nicht leicht, eine Boulangerie zu finden. Noch ein Brot als Proviant für die nächsten 16,5 km nach Miramont-Sensacq. Irgendwie zog sich der Weg wie Teig. Ich Trottel bin um 15:00 Uhr aus Aire-sur-l’Adour weg. 4 Stunden minus ;-( So hatte natürlich auch nix mehr auf, um Futti zu fassen. Ich blieb also bei meiner schwer zu schleppenden Vorratskammer, gefüllt mit Brot, Käse, Keksen und Schoki! Ich kam wieder an wunderschönen alten Bauernhöfen vorbei.
Wie ich die Tage schon berichtete, war es an der Zeit, etwas gegen die in die Schuhe springenden Steinchen zu tun. So kaufte ich mir heute zwei Paar günstige schwarze Strümpfe in Größe 45, schnitt den Fuß ab und zog sie mir immer über die Schuhe. Schluss mit Dreck und Steinderln im Schuh! :-)
Der Vater hatte immer noch keine Post von der Bank mit der neuen PIN bekommen. Mann, warum ging das nicht schneller? Schade, dass es heute so trüb war, sonst hätte man einen schönen Blick auf die Pyrenäen gehabt.
Michel, schon wieder
Im Dorf angekommen, machte ich mich gleich zur Gîte. Als ich mit dem Herbergsvater alles besprochen hatte, kam ein „Ach, du schläfst auch hier?“! Unglaublich, der Michel – ist er doch heute 51 km gelaufen, der verrückte Kerl. Aber warum??? Sooo viel, das macht nicht mal ich oder Harry. Ich duschte, und danach gab es Abendbrot. Da es nix zu kaufen gab und Michel da war, nahm ich heute die Halbpension des Hauses.
Als Aperitif Weißwein mit Cassis, dann Tomatensalat (Knofi), Tortellini mit Tomate und Blattspinat, auch sehr knofig und oberlecker. Danach wurden Melone und Käse gereicht, und zu allem viel Baguette. EIN TRAUM! Scheiße war nur, dass ich von der Unterhaltung der anderen nix verstand. Aber ich hörte zu und versuchte, so viele Wörter wie möglich herauszuhören. Ich meine, das Kauderwelsch in einzelne Wörter zu trennen. ;-)
Es war ein super Abend. Beim Fußball bin ich fast eingeschlafen. Argentinien – Holland 0:0. Die Kirche hier im Ort ist sehr schön, mit vielen Malereien und Mustern versehen. In der Nacht haben mich dann die Mücken geplagt.
PS Es gab mir zu denken, dass Michel heute so weit gelaufen ist und ahnte, dass ich auch hier sein werde.