Schlechtes Gewissen
Die tägliche Prozedur am frühen Morgen vollzogen und ab ins Ungewisse. Mal sehen, was mich heute so erwartet. Denn selbst erwarten kann man nix. Es kommt immer, wie’s kommt.
Es fing damit an, dass ich mir die Übernachtungskosten gespart habe, das heißt, ich habe heute mal die Zeche geprellt. Nur 6 €, aber immerhin – ein schlechtes Gewissen sollte mich noch den ganzen Tag plagen. Warum eigentlich, gibt’s nicht viel schlimmere Vergehen? Außerdem war keiner da, der die Kohle eingesammelt hat. OK! Wegen der Sache kam ich nicht so recht in Wallung und Stimmung.
Die Oma mit dem Brot
Ich ging die Straße entlang bis Sauliac-sur-Célé (7 km) und stieß leider auf keine Boulangerie und kein Café, was meine Laune nicht gerade verbesserte. Als ich an einem Gartenzaun eine in ihrem Garten werkelnde Oma sah und sie fragte, ob es hier einen Laden gäbe, der mich mit Speis und Trank versorgen würde, gab sie mir ein Zeichen zu warten und holte ein Stück Brot aus ihrem Haus. Ich war hin und weg und bedankte mich aufrichtig für ihre Rettungstat. Sie gab mir zu verstehen, dass heute alle Geschäfte FERMÉ, also geschlossen sind. GLÜCKSTAG ;-(
Eine ältere Frau, die in ihrem alten Tante-Emma-Laden nach dem Rechten sah, verkaufte mir nach langem Getue dann doch etwas. Auch ihr zeigte ich meine Dankbarkeit mit einem breiten Zufriedenheits-Glücklichsein-Grinsen.
Cowboy ohne Pferd
So, nun war ich wieder guter Dinge und sehnte mich dem Tag entgegen. Ich hatte vor, den GR 651 weiterzulaufen, nur kam mir alles so endlos vor, dass es einer kleinen Planänderung bedurfte. Der Franzose aus der unbezahlten Unterkunft gab mir eine Karte von dieser Route. Darauf war der wohlklingende Name „Saint-Cirq-Lapopie“ zu lesen, und der Franzose schwärmte von dieser Stadt. Wer mich kennt, weiß, was jetzt kommt. Ich suchte mir auf dieser Karte eine Route, die irgendwie dorthin führen sollte. Nur gab es jetzt keine direkten Markierungen mehr, wie ich sie die letzten 1.000 km hatte. Egal, das wird schon.
Irgendwann ging es auf einer offenen Straße hoch auf den Berg, mit einem wunderschönen Blick auf Sauliac-sur-Célé! Dann zweigte laut Karte ein als Reitweg beschriebener Pfad rechts von der Straße ab und mündete in eine lange braunerdige Straße. Es war wieder einer der Momente, in denen ich mich glücklicher nicht fühlen konnte. Die Weite der Natur, gepaart mit Hitze, Wind, Durst und dem Drang nach dem nackten Überleben. Klingt übertrieben, war aber so. Noch wusste ich nicht, ob ich mich verlaufe etc. Mit ’nem Knöchelbruch hätte ich da hinten in der Pampa schlechte Karten gehabt. Aber daran denkt man in dem Moment nicht. Ich kam mir vor wie ein Cowboy ohne Pferd.
Ich kam mir vor wie ein Cowboy ohne Pferd.
Bis ich auf einmal an einer im Wald gelegenen Kreuzung verschiedener Wege stand und keine Ahnung hatte, wo es weitergeht. Es dauerte dann ca. 15 Minuten, bis ich einen Entschluss fasste und rechts runter weiterlief. Mann, war das ein Scheißgefühl im Magen, nicht zu wissen: Ist das nun der richtige Weg, oder musst du den ganzen Schmarrn wieder zurücklaufen? Meine Ahnung sollte mir recht geben, und ich kam tatsächlich an der Straße raus, wo ich hinwollte. Danke, Jakobus!
Dann ging’s die Straße entlang, aber immer noch hatte ich das dumpfe Gefühl: Was ist, wenn’s nicht DIE Straße ist?
Rückblende So ging es mir damals bei meiner Flucht in den Westen. Idde und ich standen bei den Tschechen an der Donau und wollten es nicht glauben. Es hätte ja auch ein großer See sein können oder ein anderer Fluss, vor dem wir standen. Wir beschlossen damals, zehn Minuten zu laufen, und wenn dann immer noch der „See“ oder der andere Fluss da ist, dann muss es die Donau sein. Es war auch die Donau! Aber es gibt so ungewisse Momente im Leben, die entscheidend sind. Und da ’nen Fehler zu machen, kann gewaltig in die Hose gehen.
Saint-Cirq-Lapopie
Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass ich mich auf der richtigen Straße befand. Nach einem kleinen Umweg unten an der Brücke sollte ich dann doch noch oben in der schönen Stadt Saint-Cirq-Lapopie ankommen. Es war voll mit Touristen, die sich mit Bussen hatten ankarren lassen. Nur ein Bus mit wild gestikulierenden und permanent lächelnden Fotografierjapanern fehlte. Oben auf dem Berg angekommen, hatte ich eine nette Unterhaltung mit zwei Holländern. Die Stadt bestand aus zahlreichen Ateliers und Kunstausstellungsräumen.
Ich sitze jetzt bei Wasser und Café au Lait und schreibe Karten und Tagebuch. Ich hatte schon die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen, den Jakobsweg verlassen zu haben, um dafür den GR 651 zu laufen und dann auch noch so ’nen Abstecher zu machen. Jedoch: Bisher wollte es DER WEG so mit mir. Und es gab keine grundlegend falsche Entscheidung. Im Gegenteil, es war gut so: keine permanent grüßenden Pilger und eine geheimnisvolle Ruhe.
Da habe ich’s wieder: JEDER WEG nach Santiago de Compostela ist ein Jakobsweg.
Saint-Cirq-Lapopie wurde zum schönsten Dorf Frankreichs gewählt. Mehr Interessantes zu Saint-Cirq-Lapopie finden Sie unter diesen Links:
Am Lot und auf den Gleisen
Ich werde mir jetzt noch ein frisches, zischendes Bierchen gönnen und ’ne Karte schreiben. Im Touristenbüro habe ich mir noch einen Stempel geben lassen und mich anschließend auf den Weg nach Bouziès gemacht. Der Weg führte direkt am Lot mit seinen Schleusen entlang. Unter den Felsen, am Ufer des Lot, ging der Weg an Bildhauereien vorbei, die in den Felsen geschlagen wurden. EIN TRAUM!!!
Dort habe ich vier Augsburger getroffen, die mit dem Boot auf dem Lot unterwegs waren. Unterwegs fischte ich mir noch einige Muscheln aus dem Lot, die ich später unterwegs ablegen wollte. In Bouziès angekommen, fasste ich erst mal Wasser an einem Brunnen. Dort traf ich zwei Deutsche, die mir schon in einem Restaurant in Conques aufgefallen waren: Peter und Astrid aus Gauting bei München. Sehr nette Leute. Sie sind mit ihren beiden Kindern eine Woche auf dem Lot unterwegs. Ja, das wäre auch mal was.
Als ich Bouziès auf dem GR 36 verlassen hatte, nahm ich die Strecke einer alten, verlassenen Bahnstrecke nach Saint-Géry. Eine sehr aufregende Aktion. Es war zwar eine Schinderei, auf den Gleisen zu laufen, aber es machte unheimlich Spaß. Natürlich war ich wieder allein auf weiter Flur. Man wird schon bekloppt, wenn man den Rhythmus zwischen den Schwellen nicht finden kann. Irgendwie geht’s dann aber doch. Ist ja nicht so, dass ich heute keine Schmerzen in den Beinen hatte. Ha, ha. Dann ging es über eine alte, rostige Eisenbahnbrücke über den Lot. Ich war voll auf begeistert.
Finster wie im Bärenarsch
In Saint-Géry gönnte ich mir in einer kleinen Bar ein Bierchen. Und da sonst alles zu hatte, kaufte ich mir zwei Mars und eine Flasche „Cahors Vin Rouge“. So, der Abend war gerettet. Ich entschied mich, doch noch nach Vers zu laufen, da hier keine so richtige (mir im Moment gefallende) Schlafstelle zu finden war.
Um die ganze Sache abzukürzen, ging ich durch einen stillgelegten Eisenbahntunnel. Finster wie im Bärenarsch da drinnen! Zum Glück hatte ich ja ’ne Stirnlampe, die jetzt zum Einsatz kam. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind, aber so soll’s ja sein. In Vers bekam ich noch Brot und Nutella von einer leckeren Bäckerin. Ich glaube, sie hatte sich beim Rausgeben selbst beschissen. Oder sie gönnte mir den Abendhappen.
Hier gab es einen Campingplatz, den ich für diese Nacht zu meinem Quartier auserkoren hatte. Ich habe mich schön geduscht und mich zu Tisch begeben, als ein junger Wandersmann daherkam und sich zu mir gesellte. Es war „Morgan“, ein Franzose, 27 Jahre alt und mit 25 kg und Gitarre unterwegs. Er selbst wiegt gerade mal ca. 50 bis 60 kg! !!! RESPEKT !!!
Wir haben zusammen gespeist und uns schriftlich und mit Bildern unterhalten. Er konnte leider nur Französisch. Um 22:00 Uhr ging’s ab in die Falle. Ja, so ein Scheiß, ich habe wirklich einen kleinen Riss in der Isomatte. Na, das kann eine Nacht werden. Den schweren Tag in den Knochen und dann keine richtige Schlafunterlage. Und so kam es dann auch: Vollmond, überall Lichter, und das bedeutete Ungeziefer und viele Mücken und Motten.
Fazit Schlafe niemals auf einem Campingplatz, wenn du kein Zelt hast, oder halt irgendwo, wo eine Lichtquelle das Insektenvolk auf dich hetzt. Grausam. Morgen werde ich mich in Cahors um Flickzeug kümmern. Gute Nacht! War ein sehr schöner Tag!