Alles Gute, liebe Mama, zu deinem Geburtstag! Hätte ich ihr gern gesagt, aber es ging nur der AB ran.
Umgeschnaxelt
Es war herrlich, wieder im Freien zu nächtigen, auch wenn der Schlafsack heute Nacht trotz Poncho richtig feucht geworden ist. Egal, es war sagenhaft. Im Morgenlicht mit frischer Brise aufgewacht, und mit einem Schluck Vin Rouge ging’s auf in den Tag.
Dann hatte ich mich um ca. 600 bis 800 m verlaufen, da es nur ein kleiner, pupseliger Weg war, der vom großen abging. Wieder zurück, sah ich das von Blattwerk verhangene Muschelsymbol. Es ging einen engen, steinigen, tiefen und unbequemen Hohlweg steil hinab. Wie’s so kommt, bin ich mit dem linken Fuß umgeschnaxelt und hab’s mit dem rechten abgefangen. Das tat WEEHH! Es warf mich für Stunden, wenn nicht Tage zurück. Ich hätte fluchen können. Aber da muss man durch.
La Côte-Saint-André
Von Le Grand-Lemps ging ich nach einem kurzen Frühstück aus eigener Tasche die Straße entlang nach La Côte-Saint-André. 12 km in 3,5 Stunden. Mit dem rechten Fuß muss es irgendwann besser werden, BITTE!!!
In Saint-André angekommen, musste ich das Problem mit dem Fotochip lösen: alles auf CD brennen lassen, damit ich wieder Platz für neue Fotos hatte. Außerdem wollte ich noch einen 512-MB-Chip kaufen und musste sch…, wie verrückt. Die ersten beiden Foto- und Videogeschäfte hatten zu. Typisch France. In Richtung Kirche Saint-André sah ich dann in der oberen Straße, die parallel zur Hauptstraße verläuft, ein Konica-Schild an der Hauswand. Dort ließ ich die Daten auf CD brennen. Was ich nicht wusste: Die Ochsen haben nur die FOTOS gebrannt und meine Filme nicht. Was ist hier los mit dem digitalen Zeitalter? Habe mir später, als ich es bemerkt habe, in den Allerwertesten gebissen. 4,50 €. In einem größeren Laden fand ich dann einen neuen 512-MB-Chip für 79 €. Hammer, diese Preise hier mitten in der Pampa. Aber was kostet die Welt.
Dann ging ich mir die Kirche ansehen. Sehr alt und mit einer unglaublichen Mystik. Wenn man bedenkt, was diese Mauern alles schon gesehen, erlebt und gehört haben. Ich musste immer noch dringend. Wollte meine Füße noch in einen Brunnen halten, den ich unterwegs gesichtet hatte. Richtung Touristeninfo gab’s einen Supermarkt, wo ich eine Nottoilette vermutete. Negativ. So machte ich nur die üblichen kulinarischen Besorgungen für heute und für morgen, denn der Sonntag stand vor der Tür. Ich wollte heute in Faramans auf dem Campingplatz mit Kochgelegenheit übernachten: um 15:00 Uhr dort sein, die Füße hochlegen und den Tag genießen, während sich meine Füße ausruhen könnten.
Das gibt’s doch nicht!
Als ich meinen Einkauf im Rucksack verstaut hatte und ins Freie gelangte, sah ich eine mir sehr vertraute Person lässig in einem Liegestuhl flacken. DAS GIBT’S DOCH NICHT: DA, HARALD! Er war auch hier auf Einkaufstour und hatte beim Verlassen des Supermarktes meinen Rucksack samt Stock geortet. Er war sichtlich mitgenommen von diesem Zufall. Das war uns erst mal einen guten Snickers wert.
Jetzt gab’s natürlich erst mal viel zu erzählen: von wann bis wann, von wo bis wo, mit wem, wen hat man getroffen etc. etc. Unglaublich – ich ging echt davon aus, dass er 10 bis 15 km Vorsprung hat. Er kaufte sich noch Nudeln mit Tomatensoße, und ab ging’s wieder zu zweit. Eines weiß ich: Bei ihm stimmt die Chemie beim Gehen. FREUDE!
Planänderung
„Le Ronja“ sollte unser gemeinsames Ziel des Tages sein. Eine Gîte d’étape, wo man auch Deutsch spricht und kochen kann. Einfach mal auf Deutsch loszubrabbeln, wäre ’ne supi Sache. Ich hatte die ganze Zeit die leckeren Spaghetti in Tomatentunke vor Augen. Wie heißt es so schön: Lebe deinen Traum. Mein Traum vom heutigen Relaxtag war dahin. Wir waren 1,5 Stunden über der Zeit bis Faramans. Nach ewig langem Spazieren durch die Felder in sengender Hitze, kochend umanandgelaufen, stellten wir zu unserem Entsetzen fest, dass die Bude heute geschlossen hatte.
FERMÉ = geschlossen
Ich hatte ’nen ziemlichen Hals, da ich mir den Tag so schön ausgemalt hatte.
So zogen wir bei der Hitze weiter nach Pommier-de-Beaurepaire. Es waren 4,5 km zurück nach Faramans. Ich überlegte ernsthaft, diesen Schritt zu wagen. Wir gingen in eine Auberge, um zu fragen, wo man hier essen, trinken und übernachten könne. Beim besten Willen, aber der Dame fiel nix ein. Es war zum Zerreißen: wir mit unserem Deutsch, und sie brabbelte die ganze Zeit irgendetwas auf Französisch. Aber bei ’nem Bierchen war das schon fast lustig. Wir hätten auch bei ihr auf dem Boden gepennt. In diesem Moment war uns alles recht. In dieser lockeren Gesprächsrunde tranken wir jeder zwei Bier und aßen die beiden vor uns stehenden Schalen mit Nüssen komplett auf.
Am Ende zogen wir weiter nach Pisieu. Dort trafen wir einen Tunesier, der ein bisschen Deutsch sprach und sehr bemüht war, uns zu helfen. Er und seine Frau konnten uns aber auch nicht weiterhelfen, sodass wir wie gewohnt weiterzogen.
Bei Yves in Revel-Tourdan
Also auf nach Revel-Tourdan, Hotel Esplanade. Der Preis war uns heute scheißegal. Dort angekommen, mussten wir sehen, dass auch dieser Traum geplatzt war. Ich war echt angefressen, da ich den ganzen Proviant, den ich eigentlich in Faramans essen wollte, mit mir rumschleppte. Und es war schon 19:00 Uhr.
Wir wollten unseren Marsch schon fortsetzen, da trafen wir auf eine ältere Dame, die unser Problem sichtlich erkannte und uns zu einem alten Haus führte. Das Schild mit der Muschel hätten wir auch selbst sehen können. Es war ein sehr altes, gut restauriertes Gebäude. Wir waren begeistert, und langsam fassten wir wieder Mut, doch noch Ruhe zu finden.
Ein Herr bat uns herein und zeigte uns das Zimmer etc. Er sprach Englisch, sah aus wie ein Franzose und hatte einen sehr netten, einladenden Blick. Nach dem Duschen gab’s Abendbrot mit Salat, Käse, Baguette und Gemüse mit Würstchen. Als Dessert reichte er uns gezuckerte Erdbeeren. Es war der Wahnsinn.
Ich glaube, der Weg ist schon für jeden geschrieben, bevor er ihn antritt.
Ich glaube, der Weg ist schon für jeden geschrieben, bevor er ihn antritt. Mit Zufall hat das nichts mehr zu tun. Nach der Gartenparty mit seinen Nachbarn kam der Hausherr auf einen Plausch zu uns. Er erzählte uns, dass er vor vielen Jahren dieses bezaubernde Haus gekauft hat und es seitdem mühselig restauriert. Er nimmt gern vorbeikommende Pilger auf, darum auch die Muschel an seinem Haus.
So gegen 23:00 Uhr ging’s in die Falle. Gegen meine Rückenschmerzen nahm ich Muskelrelaxtabletten. Mal sehen, ob’s was hilft.
PS Yves Pinget heißt der gute Mann, der uns den Abend gerettet hat. Was für ein Tag! Geht auch ab und zu einiges schief, so dreht es sich doch oft zum Guten. Man muss nur durchhalten.