Die Römer und ich
Ich sitze in einem der vielen Cafés der wunderschönen Stadt Estella, beobachte das rege Treiben und verewige diese Zeilen.
Heute Morgen ging’s über eine alte Römerstraße mit drei kleinen Steinbrücken. DIE RÖMER & ICH. Auf einer habe ich eine kleine Brotzeit eingenommen. Bedenkt man, wie lange die jetzt schon existieren!
Heute bin ich zusammen mit dem Holländer, der auf Aruba, einer Insel der Niederländischen Antillen, lebt, bis Estella gelaufen. Heute Morgen war ich müde, nicht ausgeschlafen und weniger gut gelaunt. Im Moment bin ich jedoch wieder voll da und bester Stimmung.
Estella la Bella
Die beiden anderen hatten kein Interesse, die Stadt Estella la Bella (Estella, die Schöne) zu erkunden. So musste ich mich allein durch die Gassen der Stadt schlagen. Mit höchster Freude natürlich, denn diese Stadt verdient ihren Spitznamen zu Recht. Ein zuckersüßes Städtchen, Verweilen ist ein absolutes MUSS!
Ich sitze hier direkt am Rande des Marktes, der heute stattfindet, in einem Café und sehe dem regen Treiben zu. Die Leute, das Flair, die Stadt – einfach wunderbar. Sehr imposant sind die Kirche San Pedro de la Rúa und die Kirche des Heiligen Grabes (Iglesia del Santo Sepulcro) mit ihrem sehenswerten gotischen Portal.
Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich meine geliebte 10D vermisse. Übrigens ist jeder Café, den man hier bekommt, ein Hochgenuss. Ich wollte schon weitergehen und die Stadt wieder verlassen, da sprach eine innere Stimme zu mir, ich solle doch noch etwas verweilen, was ich dann auch tat. Gott sei Dank! Eine weise Entscheidung. Ich machte noch einen Besuch im Palast der Könige von Navarra, um mich dann schließlich doch auf den Weg nach Los Arcos zu machen.
Der Weinbrunnen
Es sollte ja noch eine besondere Überraschung auf mich warten: die Bodegas Irache, wo man an einer Weinkellerei einfach so Wein trinken konnte. Ein Weinbrunnen für Pilger! Darauf hatten mich auch Charly und Marianne gebracht. Auf keinen Fall verpassen. So freute ich mich schon seit Le Puy auf diesen Moment. Und auch hier gab es zwei Wege, einer hin, einer vorbei! Ich nahm den HIN. ;-)
So ca. 300 m vor dem Brunnen kam Speedy Gonzales an mir vorbei. Einer mit Turnschuhen und wenig Gepäck. Entweder er rennt, oder er läuft extrem schnell. Jedenfalls geht das ja gar nicht, dass der mich da so mir nichts, dir nichts überholt. Ich zog die Riemen an meinem Rucksack allesamt fest und stürmte mit ihm gemeinsam zum Brunnen. Er musste so lachen. Ich mit 15 kg und er ohne alles. War ’n Mordsspaß! 100 m konnte ich mithalten, danach war Schluss mit lustig. :-)
Fuente del Vino de Bodegas Irache
Am Brunnen angekommen, war seine Maus schon da und labte sich an dem köstlichen Wein. Es kam tatsächlich Rotwein aus dem Hahn. Aus dem anderen kam Wasser, sodass man nicht gleich mit ’nem Vollpreller weiterlaufen musste. Unglaublich! Als ich allein sann, kam da ’n Typ auf einem Quad und textete mich zu. Ich verstand leider nichts, aber er freute sich sichtlich, mich dort trinken zu sehen. Hier ist eine Webcam angebracht, damit man sich beim Saufen beobachten lassen kann. Leider konnte ich niemanden in Old Germany über das Ereignis dieser gigantischen Zapfangelegenheit informieren.
Es kam tatsächlich Rotwein aus dem Hahn!
Mutterseelenallein
Das älteste Kloster Navarras zu besichtigen, ließ ich aus und begab mich weiter auf den Weg nach Villamayor de Monjardín. Eine grenzenlose Sicht bot sich mir auf diesem Wege. Keine Pilger vor oder hinter mir. Allein mit Mutter Natur. In Villamayor de Monjardín angekommen, musste ich dringend für große Jungs und nahm Platz hinter dem Maurenbrunnen. Ich musste mich beeilen, da in dieser doch so verlassenen Gegend ausgerechnet in diesem Moment eine ältere Dame mit ihrem Hund des Weges kam.
Ich wollte in diesem kleinen Villamayor de Monjardín eine kurze Pause einlegen und mich vielleicht an einem Bierchen vergehen, aber es hatte alles geschlossen. So blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Wasservorrat aufzufüllen und des Weges nach Los Arcos zu ziehen.
EIN TRAUM VON EINEM WEG – traumhafte 12,5 km
Mutterseelenallein auf 12,5 km in der sengenden Nachmittagssonne, vorbei an schier endlosen Weizenfeldern mit diesem märchenhaften Goldgelb. Dahinter die Berge und der blaue Himmel. Ich genoss die Einsamkeit und jeden verflixten Schritt, den ich tat. Der Camino & ich! Ich war außer mir vor Freude. Nach einer Stunde machte ich ’ne Snickers- und Bepanthen-Pause. Ich malte und schrieb in den Sand des Weges. Dann fuhr es mir langsam durch den Kopf, und mir wurde zu 100 % bewusst, wo ich mich befand: in Spanien auf dem Camino! Ein dickes Dauergrinsen zog in mein Gesicht, und ich war glücklich. Wahnsinn – ich liebe den Weg immer mehr.
Ich liebe den Weg immer mehr.
Los Arcos
An den Mähdreschern vorbei (mir kam das Erntesystem der „Pflanzenproduktion DDR“ in den Sinn: fünf Maschinen nebeneinander) stolperte ich langsam in Los Arcos ein. Am Ortseingang gab’s ’ne kleine Getränkestation mit Pilgerbuch, aber ohne ein süffiges Bier. In Frankreich gab es überall Pilgerbücher, in Spanien ist das nicht mehr so. Harald stand nicht drin. Im Ortskern angekommen, rein in einen Laden und zwei Bierchen – CERVEZA – gefasst. Jooo, haben die gezischt nach diesem Marsch!
Ich war in einem sehr schönen Refugio untergebracht. Großer Garten und mit allem ausgestattet, was man benötigte. Ich habe mir ein festliches Essen für heute Abend zusammengestellt und besuchte noch die Kirche Santa María, eine prächtige Kirche. Dieser Prunk im Inneren erschlägt einen fast. Wie hat das Volk bluten müssen, um solche Kirchen zu bauen?
Bernd aus Magdeburg traf ich hier wieder. Trotz Küchenbenutzung gibt’s heute nur kalte Speisen: Fisch-Baguette und einen 1998er Ascorbe-Rotwein aus Los Arcos mit 12,5 %. (Abendmahl)
EIN TRAUMTAG!!!