Halb raus aus dem Säckle
Diese Nacht bin ich vor lauter Schwitzen im Schlafsack fast durchgedreht. Bis ich mich einfach zur Hälfte raus aus dem Ding hingelegt hatte und nur noch den Wunsch verspürte, endlich einschlafen zu können. Und siehe da, diese Nacht nicht einmal munter geworden. Der Sack ist manchmal so warm, und dann wird er zu eng, und du denkst: Ja, muss das sein? Hättste nicht ’nen größeren kaufen können? Alles sinnloses Eigengeschwätz. Das erste Mal im Freien genächtigt wie in einem Bett. Ja, so soll’s sein! ;-) Um 7:00 Uhr raus aus dem Säckle und ab auf neue, aufregende Kilometer.
Peter, Frank und Jens
Mit frischer Spürnase auf der Suche nach dem Weg sehe ich doch ein kleines Café – ouvert! – und: Peter, der Kanadier, sitzt dort. Wenig später trifft auch Frank ein. Sie hatten in der Gîte gepennt und erzählten mir, dass Jens um 23:00 Uhr dort aufgetaucht ist. Somit stand fest, dass er auch die 45 km gelaufen war. RESPEKT, alter Junge! Aber trotzdem seltsam, da er sonst immer einen auf „Zeit“ macht.
Nach einem leckeren Café gingen wir drei gemeinsam weiter in Richtung Moissac. Es war kein aufregender Tag und auch kein bewegender Weg heute. Unterwegs labten wir uns wieder an den zahlreichen Kirschbäumen. Ich Volltrottl bekam den Ranzen nicht voll genug und musste es später mit Magendrücken, Blähungen und Flottem Otto büßen. Egal, denn die Kirschen waren super lecker, und ich holte die vergangenen Jahre des Nichtessens oder Wenigessens nach. Heute aß ich auch meine erste von Hand gepflückte Aprikose. Mmmmmmmmmmm, war die gut!
Mmmmmmmmmmm, war die gut!
Noch am Morgen sah es nach Regen aus, und wir packten uns schon am Café in Regenkleidung, aber es sollte beim Schein bleiben.
Le Carmel
Um 14:30 Uhr haben wir Moissac erreicht. Zu meiner Überraschung war Jens schon da. Er ist um 4:00 Uhr morgens schon los. Bestimmt, um sich die Gîte-Gebühren zu sparen. Der Schlingel! Und Michel aus dem Elsass kam auch des Weges. Wir ließen uns in der sehr schönen Gîte d’étape „Le Carmel“ nieder. Ich bevorzugte die günstige Variante und nahm im Schlafsaal im Keller Platz. 7 € bzw. 12 € mit Frühstück – was will man mehr? Ich war ganz allein da unten, und schön kühl war es auch. Die anderen jammerten am nächsten Tag, es sei bei ihnen viel zu heiß und voll gewesen. Ich grinste mir eins. ;-)
Die Gîte ist ein ehemaliges Karmeliterkloster mit Kreuzgang und Garten. Wunderschön. Am Abend wollte ich mir was kochen, bin jedoch zu spät los. Was in France schrecklich ist: dass alles so zeitig schließt. Ein Restaurant wollte ich mir nicht gönnen. Ich war deshalb ziemlich angefressen, da ich alles aufgefuttert hatte.
Den Kreuzgang der Kirche Saint-Pierre habe ich mir auch entgehen lassen. A Trottl hoid! In einem Stehimbiss habe ich dann bei einem 2-€-Bierchen Holland gegen die Elfenbeinküste gesehen, 2:1, und bin noch etwas durch die Straßen der Stadt spaziert. Es war leblos auf den Straßen. Ist a Wengerl arabisch hier. Das liegt am hohen Anteil der maghrebinischen Bevölkerung. All die Erzählungen von der Schönheit dieser Stadt konnte ich leider nicht nachempfinden. Aber Geschmäcker sind halt verschieden.
Wissen Moissac liegt am Tarn, unweit von seiner Mündung in die Garonne. Das milde Klima im Garonnetal lässt die Vegetation üppig gedeihen. Die Tafeltrauben von Moissac sind wegen ihrer hohen Qualität sehr geschätzt. Im Mittelalter war Moissac eine der wichtigsten Stationen auf der Via Podiensis. Heute sind die Abteikirche Saint-Pierre und der Kreuzgang UNESCO-Weltkulturerbe.
Pläne bis Saint-Jean
Ich kaufte mir eine Pizza für 5 € und genoss jeden Bissen. Jetzt fängt’s an zu regnen. Meinen vagen Berechnungen zufolge müsste ich nächsten Samstag in Saint-Jean-Pied-de-Port eintreffen. Ab morgen werde ich wieder allein weiterlaufen. Harald werde ich wohl nicht mehr sehen. Auch wenn’s schön wäre, aber so ist’s für beide besser. Trotzdem bin ich immer am Rechnen, wie weit er voraus ist und wie ich laufen müsste, um ihn wieder einzuholen. Na ja, wenn man beim Laufen sonst nix Konstruktives denken kann oder will, dann doch wenigstens das.
Hätte ich mir heute nicht den Ansatz einer Blase gelaufen, wäre ich wahrscheinlich weiter als bis nach Moissac gelaufen. Mit Sohlenwechsel und Hirschtalg-Behandlung ließ sich das Ausmaß der neuen Blasenbildung auf ein Minimum reduzieren.
Jens hatte in der Gîte d’étape im Gemeindehaus übernachtet. Ich hatte den Nachmittag verpennt, weil die Müdigkeit über mich kam. Nicht so der gängigste Tag gewesen. Gute Nacht!