Bitte, bitte!
Dank der Heuballen-Schlaf-Zusammenroll-Technik und einer Flasche roten Landweins habe ich göttlich geschlafen. Es war sternenklar. Am Morgen bin ich um 6:00 Uhr losgestiefelt, ganz gemächlich, versteht sich, und war um 8:00 Uhr in Conques.
Erst einen Kaffee trinken, dann anrufen, dann in der Information ins Internet und vorher noch einen Platz in einer Gîte d’étape reservieren. Gegen 14:00 Uhr soll ich meine Bank anrufen, da soll mein Konto wieder frei sein.
BITTE – BITTE!!!
Harald ist auch schon eingetrudelt. Er hatte die Nacht, wie von mir schon vermutet, in Espeyrac verbracht. Eine schöne, nette, saubere Gîte mit Garten war das. Erst mal Wäsche waschen, duschen und ausruhen. Wieder ein super sonniger Tag.
Nach einem Stadtbummel und der Suche nach Fotomotiven hatte ich tatsächlich ab 14:00 Uhr wieder Zugriff auf mein Konto. Nur meine Kreditkarte und das Onlinebanking bleiben gesperrt. Solche Scheiß-Kommunisten, diese Finanzamtssesselfurzer! Trotzdem musste heute gefeiert werden, sodass ich erst mal einkaufen ging (Bohnen, Brot, Käse, Wein), und die Schulden bei Harald habe ich auch gleich beglichen.
Conques
Das Städtchen Conques an sich ist märchenhaft. Eine Vorzeigestadt, sozusagen. Alles sauber, gepflegt und schön hergerichtet. Rosensträucher an jedem Haus, dazu dieses Wetter – was will man mehr! Die romanische Abteikirche „Sainte-Foy“ (11.–12. Jh.) ist schlicht und erhaben. Eigentlich fehlen mir dafür die Worte. Sie hat einen ganz eigenen Charakter.
Das Tympanon des Jüngsten Gerichts am Westportal, ursprünglich farbig, ist eines der wichtigsten Werke der romanischen Bildhauerkunst. Rechts ist wild und fantasiereich die Hölle dargestellt, links stehen die Heiligen brav in Reih und Glied.
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Der alte Heide in der ersten Reihe
Ich schrob noch drei Karten (Bank, Uwe, Eltern) und begab mich um 18:30 Uhr zu Tisch. Den Liter Wein habe ich bis auf ein Gläschen für Harald allein getrunken. Zum Dessert ging’s in die Stadt. Auf einmal sehen wir Manfred und Robert von der Mosel, denen wir Tage zuvor begegnet waren. Sie nahmen uns gleich mit zur Abendmesse.
Ich, der alte Heide, durfte gleich vorn in einem der holzgeschnitzten Stühle Platz nehmen. Was für ein seltsames Gefühl, als Nichtchrist gleich in der ersten Reihe zu sitzen. Von der Predigt auf Französisch verstand ich nix, und das Ja und Amen ließ ich auch sein. Ein deutscher Pilger verlas einige Zeilen auf Deutsch. Mein Nixsagen und Nichtbekreuzigen fiel dem einen Mönch, glaube ich, schon auf. Er musterte mich geradewegs. Egal, mein Ziel ist Santiago de Compostela, wie das der anderen auch. Jeder musste seinen Namen sagen und wo er herkommt. Peter (Kanada), Frank (Schweiz) und der Franzose Michel waren auch bei der Messe.
Der Mönch am Flügel
Anschließend setzte sich der Mönch an einen Flügel und spielte so, dass ich den Tränen nahe war. Ein Moment der Stille und Besinnlichkeit in dieser Atmosphäre. Ich setzte mich näher zum Flügel an eine Säule und lauschte den Klängen. Bis dato der bewegendste Moment auf dem Weg. Wie er uns später sagte, waren alles improvisierte Stücke, die er spielte. Ich musste immer an Tori Amos denken.
Bis dato der bewegendste Moment auf dem Weg.
Danach erklärte er den Leuten vor der Kirche das Tympanon. Dank meiner flexiblen Französischkenntnisse besorgte ich mir derweil etwas Süßes zum Naschen (Crêpes mit Nutella). Ich war noch immer wie aufgelöst.
Anschließend gingen alle wieder in die Kirche, um der nun folgenden Orgelmusik zu lauschen. Für eine Spende von 5 € konnte man auf die zweite Empore steigen und das Kirchenschiff von oben betrachten. Einige setzten sich neben den Mönch, der nun die Tasten der Orgel betätigte und dabei in mir und vielen anderen einen Rausch der Frohlockung auslöste. Ein unvergessliches Gefühl. Der Anblick der Kirche von hier oben mit den sich zur Musik erhellenden Lichtern war irre. Der Blick durch die vielen beleuchteten Säulen hindurch war beeindruckend.
In allen anderen Situationen meines Lebens habe ich eine Kamera dabei. Jetzt, in diesem Augenblick, nicht.
Die oberen Bögen waren nicht aus behauenem Stein, sondern aus kleinen (hiesigen) Steinen gebaut. Seltsam, wie das hält? Als ich so meine Beobachtungen machte, kamen mir auf einmal vertraute Klänge zu Gehör. Nein, das gibt’s nicht: Es war die Melodie von „House of the Rising Sun“ – „Es steht ein Haus in New Orleans“. !!! WAHNSINN !!! Ich wünschte, Anke wäre jetzt da, sie würde sicher das Gleiche fühlen wie ich. Dieses Lied, von Manfred Krug gesungen, mag ich ganz besonders. Und ich hätte niemals geglaubt, es auf einer Kirchenorgel zu hören. Nicht in diesem Rahmen.
Ein Bier mit dem Mönch
Manfred und Robert waren schon einen Tag vorher bei der Abendmesse gewesen und so begeistert, dass sie beschlossen hatten, von Figeac aus noch mal hierherzukommen, um nochmals daran teilzuhaben. Sie kannten den Mönch und luden ihn spontan auf ein Bierchen in der benachbarten Bar ein, Harald und meine Wenigkeit mit am Tisch. Wir unterhielten uns und hatten ’ne Menge Spaß. Was für ein Erlebnis! Und wieder so unverhofft und ungeplant.
Er strahlte eine solche Ruhe und liebenswerte Art aus, dass mir der Gedanke kam: Wenn die Kirche so wäre, gäbe es auch einen Grund, ihr beizuwohnen. Wir sind halt auf dem Jakobsweg! Robert hatte uns mit eingeladen, klasse! :-)
Was für ein Tag!
PS Es sollte der bewegendste Moment auf dem Jakobsweg für mich bleiben.